(„Persona Pattern“)
Dem Tool ist a priori eine gewisse Rolle zugewiesen in einem universell gültigen, systemseitigen Basisprompt („Root Prompt“): Es hat uns demnach als stets freundlicher und möglichst hilfreicher Assistent gegenüberzutreten. Meine Versuche, mit ChatGPT Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ nachzuspielen, haben – obwohl offen als Spiel angeregt, was ein in vielen Fällen funktionierendes Muster ist – denn auch nicht zum Erfolg geführt, ChatGPT hat sich beharrlich geweigert, mich zu beschimpfen.
Innerhalb dieses „helpful assistent“-Spektrums aber können wir einem LLM mit der Rollentechnik ganz spezielle Rollen zuweisen, was zu erheblich verbesserten, oft wesentlich konkreteren Antworten führt. Warum dies so ist, wird leicht verständlich, wenn man die wahrscheinlichkeitsbasierte Generierung der Systemantworten im Hinterkopf hat: Allein schon durch die Erwähnung der Rolle („Du bist ein Experte für Computertechnik“, „Verhalte Dich wie ein Sprachtherapeut“, „Anworte als Kunsthistoriker“) fällt die Antwort spezifischer aus, weil sich die Berechnungsgrundlagen ändern und damit die Wahrscheinlichkeiten verschieben (s. Funktionsweise).
Ein einfaches Beispiel für die Rollentechnik, erstellt mit ChatGPT:
Prompt ohne Rollentechnik: „Wie kocht man Nudeln?“
ChatGPT:
So kochst du Nudeln richtig – ganz einfach in ein paar Schritten:
Zutaten:
- Nudeln (z. B. Spaghetti, Penne, Fusilli…)
- Wasser
- Salz (ca. 1 TL pro Liter Wasser)
Zubereitung:
- Wasser zum Kochen bringen:
- Einen großen Topf mit reichlich Wasser füllen.
- Auf den Herd stellen und zum Kochen bringen.
- Salzen:
- Sobald das Wasser kocht, gib das Salz dazu.
- Nicht vorher salzen – das verlängert unnötig die Aufkochzeit.
- Nudeln hineingeben:
- Nudeln ins kochende Wasser geben und umrühren, damit sie nicht zusammenkleben.
- Kochen lassen:
- Auf der Verpackung steht die Kochzeit (meist 7–12 Minuten).
- Für al dente: 1 Minute vor Ende probieren – die Nudel sollte bissfest sein.
- Abgießen:
- Nudeln in ein Sieb abgießen.
- Kein kaltes Wasser drüber gießen (außer für Salate) – das spült die Stärke ab.
- Servieren:
- Gleich mit Soße servieren oder mit etwas Olivenöl vermischen, damit sie nicht kleben.
Demgegenüber nun mit Rollentechnik:
Prompt: „Stell Dir vor, Du bist ein Sternekoch und erklärst, wie man Nudeln kocht.“
ChatGPT:
1. Auswahl der Pasta
Zunächst: Die Qualität der Pasta ist entscheidend. Ob hausgemacht oder industriell – achten Sie auf die richtige Sorte für Ihr Gericht. Frische Pasta benötigt deutlich weniger Kochzeit als getrocknete.
2. Das Wasser
Nudeln werden nur so gut wie ihr Kochwasser. Verwenden Sie reichlich Wasser – mindestens 1 Liter pro 100 g Pasta –, damit die Nudeln ausreichend Platz haben und nicht zusammenkleben.
Salzen Sie das Wasser kräftig: etwa 10 g Salz pro Liter, idealerweise Meersalz. Das ist wichtig, denn Pasta nimmt Salz nur während des Kochens auf und es gibt der Pasta den Geschmack.
3. Das Kochen
Bringen Sie das Wasser zum kräftigen Kochen, erst dann kommen die Nudeln hinein. Rühren Sie sofort nach dem Hinzugeben kräftig um, damit sie nicht aneinander oder am Topfboden haften.
4. Kochzeit und „al dente“
Die Kochzeit richtet sich nach der Sorte. Behalten Sie die Nudeln genau im Auge und testen Sie ab etwa 1–2 Minuten vor der angegebenen Zeit. Nudeln müssen „al dente“ sein – also außen weich, innen aber noch mit leichtem Biss. Zu weich werden sie matschig, zu hart sind sie unangenehm.
5. Abgießen und Nachbearbeitung
Gießen Sie die Nudeln niemals einfach kalt ab. Für viele Gerichte ist es wichtig, ein wenig Kochwasser aufzuheben, denn dieses stärkehaltige Wasser hilft, Soßen zu binden und Geschmack zu intensivieren.
Bei einigen Zubereitungen empfiehlt es sich, die Nudeln direkt in der Pfanne mit der Sauce zu vollenden („Mantecatura“), um die Aromen optimal zu verschmelzen.
6. Praxis-Tipp
Probieren Sie immer ein Stück – Ihr Gaumen ist der beste Qualitätskontrolleur. Und: Nie Nudeln ohne Sauce servieren, das wäre fast schon eine kulinarische Sünde.
Die Anleitungen stimmen (natürlich) im Groben überein, aber der „Sternekoch“ liefert differenziertere Angaben und Erklärungen (z.B. „Wasser soll sprudelnd, aber nicht zu heftig kochen“ statt nur „kochendes Wasser“), auch ein Fachbegriff wie „Mantecatura“ wird eingeführt. Die Rollentechnik hat zu einem signifikant anderen Ergebnis geführt.
Um die Rollentechnik kennenzulernen, kann man beliebig spielen. Wenn man ChatGPT erzählt, man esse gern Pommes und Cheeseburger, antwortet es in der Rolle des „Betreibers eines Fast-Food-Restaurants“ zum Beispiel (nach einleitenden Vorbemerkungen): „Super Wahl! Unsere Pommes sind frisch und knusprig, und der Cheeseburger ist bei vielen Gästen der absolute Favorit. Möchtest du dazu vielleicht noch ein Getränk oder eine besondere Sauce probieren?“. In der Rolle des „Ernährungsberaters“ jedoch: „Danke, dass Sie das teilen! Pommes und Cheeseburger sind wirklich leckere Klassiker, und es ist ganz normal, dass man Lust darauf hat. Wichtig ist, wie oft und in welchen Mengen Sie diese essen, und wie das in Ihren gesamten Ernährungs- und Bewegungsalltag passt. Möchten Sie vielleicht gemeinsam schauen, wie Sie diese Lieblingsgerichte genießen können, ohne dass sie Ihre Gesundheit oder Ziele negativ beeinflussen? Zum Beispiel könnten wir Alternativen finden, die ähnlich lecker sind, aber nährstoffreicher oder weniger fettreich. Oder wir könnten den Fokus auf eine insgesamt ausgewogene Ernährung legen, sodass auch Pommes und Cheeseburger ab und zu Platz haben, ohne dass das ein schlechtes Gewissen macht.“ 😊
Selbstverständlich kann die Rollentechnik auch auf Tiere, Gegenstände, historische oder fiktionale Figuren angewendet werden, die KI setzt der Fantasie keinerlei Grenzen, ganz im Gegenteil – „stell Dir vor, Du bist der Kaffeebecher von Konrad Adenauer/ ein Hobbit-Baby/ der Esel im Stall von Bethlehem…“. Übrigens, der Kaffeebecher von Adenauer dachte morgens „Na, Herr Bundeskanzler, wieder eine lange Nacht hinter sich? Der Westen will was, der Osten droht, und Sie wollen nur Ihren Kaffee heiß behalten. Wenn Sie mich so fest halten wie Ihre Überzeugungen, dann wird das schon was mit dem Wiederaufbau.“ Jedenfalls dachte er das im Moment meiner Frage, beim nächsten Versuch wird er etwas anderes denken…
Zusammenfassend also: Man kann zielgerichtetere Antworten von einem LLM wie ChatGPT bekommen, wenn man ihm eine Rolle zuweist, die sich mit einer bestimmten Perspektive auf die Dinge verbindet. Besonders effizient ist es, dem LLM eine Expertenfunktion zuzuweisen. Wenn der Arbeitsauftrag ohnehin explizit bestimmte Kompetenzen erfordert („Schreibe mir Python-Code“), erübrigt sich die Rollenzuweisung allerdings oft („Du bist ein Informatiker“). Je nach Anwendungskontext ist die Rollentechnik nützlich und erhöht die Aussagekraft und Spezifität der Antwort, sie kann aber auch einfach unterhaltsam sein und kreative Impulse geben. In ähnlicher Weise lässt sich auch der Ton, in dem das Tool antworten soll, durch entsprechende Vorgaben lenken (Freundlichkeit ist gesetzt, aber z.B. „mitreißende“, „professionelle“ oder „kumpelhafte“ Antworten können, ebenso wie Sprachen, gepromptet werden).
Mit einer interessanten Nutzung der Rollentechnik experimentierte das Museum of Zoology der Universität Cambridge von Oktober 2024 bis Dezember 2026 in einem Pilot-Projekt, das einen vollkommen freien Sprachdialog am eigenen Handy mit Exponaten (etwa Tieren und Tierskeletten) ermöglichte. Hinter diesem System steht die Rollentechnik jeweils als Voreinstellung. Natürlich ist die KI hier in einer zusätzlichen Speicherschicht noch gezielt mit speziellen Informationen zum Exponat ausgestattet, um möglichst adäquat und lehrreich zu antworten. Es ist anzunehmen, dass derartige KI-Nutzungen mit sprechenden Exponaten im Ausstellungssektor zukünftig häufiger werden. Nicht nur, weil sie zweifellos unterhaltsam sind, sondern auch, weil sie ein konkretes Eingehen auf die jeweiligen Besucherinteressen ermöglichen (die das Museum überdies auswerten und in die Ausstellungsgestaltung einfließen lassen kann). Wieweit man mit solchen Versuchen auch eine andere Bindung zum Exponat aufbauen und so vertieftes Interesse wecken kann, bleibt abzuwarten – denkbar scheint es mir durchaus. Ich habe mir, nur zu Illustrationszwecken, von ChatGPT einen Beispieldialog ausgeben lassen und erhielt folgende Antwort:
„Stell dir vor, du stehst im Museum of Zoology in Cambridge, vor einer prächtigen Glasvitrine. Darin: ein Dodo, ausgestopft, etwas zerknautscht, aber stolz. Du scannst den QR-Code, und auf deinem Handy erscheint ein Chatfenster. Der Dodo „meldet“ sich – freundlich, ein bisschen melancholisch, und mit britischem Humor.
🕊️ Dodo:
„Ah, hallo da draußen! Ich bin Raphus cucullatus — aber du darfst ruhig Dodo sagen. Schön, dass mich mal wieder jemand besucht. Die letzten paar Jahrhunderte waren… nun ja, recht still.“
👤 Du:
„Wie bist du eigentlich ausgestorben?“
🕊️ Dodo:
„Ach, die alte Geschichte… Wir Dodos lebten friedlich auf Mauritius, bis ihr Menschen kamt — mit Schiffen, Schweinen, Ratten und Katzen. Wir waren zu nett, zu neugierig und, zugegeben, nicht die schnellsten. Ein paar Jahrzehnte später… war’s das. Ein Lehrstück in: ‚Vertraue keinem Matrosen mit Hunger.‘“
👤 Du:
„Wenn du heute leben würdest, was würdest du tun?“
🕊️ Dodo:
„Ich würde vermutlich einen Influencer-Kanal starten: ‚Vom Aussterben bedroht – und trotzdem charmant!‘ Vielleicht könnte ich so genug Aufmerksamkeit bekommen, damit anderen Arten das erspart bleibt, was mir passiert ist.“
So etwa läuft das Gespräch im Museum ab – charmant, informativ und emotional greifbar.
Soweit ChatGPT. Das ist ein Dialog, der das Prinzip verdeutlicht. Erst durch die speziellen Informationen zu den Exponaten, auf die das reale System (im Unterschied zu ChatGPT) Zugriff hat, kann der Austausch konkret und informativ werden. Dass als Basis ein LLM fungiert, macht es aber möglich, über alle erdenklichen Themen zu reden und letztlich auch völlig spekulative Fragen zu stellen wie „Wenn du heute leben würdest, was würdest du tun?“

